Und wenn die Welt heut’ untergeht?
Achtung, Achtung! Eilmeldung! Warnung! Alarm auf allen Kanälen: DIE WELT WIRD IN 10 STUNDEN UNTERGEHEN! DAS IST KEINE ÜBUNG! DAS SIND KEINE FAKE-NEWS! DAS IST EINE UNUMGÄNGLICHE TATSACHE! ES GIBT KEIN ENTRINNEN!
Das Szenario, das durch diese Eilmeldung provoziert wird, könnte spannender nicht sein: Wie gestaltet man die letzten Stunden seines Lebens, wenn es keine Konsequenzen mehr zu befürchten gibt? Wie kostet man diese letzten Stunden aus? Mit wem will man sie verbringen? Wird man panisch angesichts des bevorstehenden Untergangs oder feiert man ausgelassen dem Ende entgegen? Die Zeit ist knapp, man muss sich entscheiden und alles läuft auf die Frage hinaus, was wirklich wichtig ist im Leben.
Beantwortet werden diese Fragen dann leider nicht von den Schüler:innen des 12. Jahrgangs vom Ratsgymnasiums Wolfsburg, sondern von stereotypen Figuren aus Julia Gastels Theatertext „36.000 Sekunden“:
Wir lernen den machtgeilen Chef einer Consulting Firma kennen, der seine Familie vernachlässigt, seine Frau betrügt und seine Mitarbeiterinnen sexuell belästigt. Seine Frau Claire verbittert aufgrund der Vernachlässigung des Ehemannes und lässt dies an den beiden Töchtern und an ihrem Vater aus, der in ein Altersheim abgeschoben wurde. Dort wird er von einer jungen Nonne betreut. Eine Tochter der Familie, Florentine, die das Verhalten ihrer Eltern moralisch verurteilt, besucht den Großvater regelmäßig und lernt dabei eine junge Nonne kennen. Die Nonne verliebt sich in Florentine, kann dies unter normalen Umständen aber natürlich nicht preisgeben.
Dann gibt es noch die Studierenden-WG, in der die andere Tochter der Familie wohnt, und in der der Großteil des Tages damit zugebracht wird, zu zocken – bloß Stefan will für eine Geschichtsklausur lernen und in Ruhe mit seiner Online-Freundin chatten. Greta, die in ebenjener Consulting Firma unter den ekelhaften Allüren ihres Chefs (Vater) sowie unter der Oberflächlichkeit ihrer Kolleginnen leidet, verliebt sich in den feinfühligen, geschichtsvernarrten Stefan. Beide sind aber zu schüchtern, einander näher zu kommen.
Was machen also die Figuren, wenn sie erfahren, dass die Welt bald untergeht? Sie brauchen natürlich eine Weile, um zu verstehen, dass sie sich mit ihren Liebsten versöhnen und ihre Gefühle offenbaren und ausleben sollten, aber schlussendlich finden sie auf der „größten Weltuntergangsparty, die die Welt je gesehen hat“ alle zu sich selbst und zueinander: Die junge Nonne erlebt ihren ersten Kuss mit Florentine, Vater und Tochter söhnen sich aus, Greta und Stefan finden zueinander und alle anderen feiern einfach eine fette Party.
Das alles ist in sich stimmig, kohärent erzählt und nachvollziehbar. Zudem sind die Figuren nuanciert erarbeitet und werden beeindruckend ausgespielt. Schauspielerisch liefern die Schüler:innen aus dem Darstellenden Spiel Kurs Jg. 12 eine grandiose Leistung: Der Körperausdruck, die stimmliche Präsenz, die sprachliche Ausgestaltung des Textes und die Interaktion mit den anderen Bühnenfiguren sind absolut überzeugend. Auch die Kostümgestaltung ist passend und trägt zur Glaubhaftigkeit der Darstellung bei, genauso wie die szenografische Gestaltung. (Großes Lob an dieser Stelle an die drei Schüler:innen von der Technik, die sehr aussagekräftige und wirkungsunterstützende Lichtstimmungen umgesetzt haben.)
Und doch fragt man sich, was die Lebenswelt der Figuren mit denen der jungen Menschen auf der Bühne zu tun hat und man wünscht sich zu erfahren, was es ist, dass diese spielfreudigen jungen Wolfsburger:innen antreibt? Was ist für „wirklich wichtig“ im Leben? Wie würden sie die besagten letzten 36.000 Sekunden verbringen?
Die persönliche Auseinandersetzung mit der dem Stück zugrunde liegenden Fragestellung muss dabei nicht zwingend collagenartig, performativ oder biografisch-dokumentarisch verhandelt werden, wie man es im zeitgenössischen Schultheater so oft sieht – die Stückvorlage bietet eine tolle Schablone, die zur Reflektion des individuellen Umgangs mit der Thematik genutzt hätte werden können: Warum nicht mal aus der Rolle aussteigen und das Verhalten der Figuren kommentieren? Warum nicht eine zweite Wirklichkeitsebene hinzufügen, auf der die Schüler:innen eigene Ideen und Gedanken theatral verhandeln können? Warum nicht am Ende, als die Welt schon untergegangen ist, die Schüler:innen selbst zu Wort kommen lassen, anstatt die Figuren noch einmal auferstehen zu lassen, damit sie von der Bühnenrampe aus sagen können, was sie in einem nächsten Leben anders machen würden? (Sogar der Firmenchef ist am Ende geläutert.)
Gelegentlich schimmert das Potential, das in der Auseinandersetzung mit der Stückvorlage liegt, durch: Die durchdacht ausgewählten Musiktitel werden mal als Kommentar auf das widerliche Verhalten des Firmenchefs eingesetzt, mal als Überspitzung auf Mutter Claires naiven Traum von einem sorgenfreien Leben in Paris und mal als ironische Replik auf die komplizierte Suche nach der wahren Liebe. In den dazu von den Schüler:innen dargebotenen Choreografien kommen erneut Spielfreude und Ausdrucksstärke der Spielenden zum Ausdruck. Davon hätte es gern noch mehr geben dürfen!
Viel Applaus für einen unterhaltsamen Abend mit tollen Spieler:innen, die sich leider zu wenig getraut haben, die Spielvorlage als Ausgangspunkt für die eigene inhaltliche und theatrale Auseinandersetzung zu nutzen.
geschrieben von Lisa Degenhardt
