Rezension zu „(un)austauschbar“

Zwischen Fancy Kleiderhaufen und der Suche nach dem Supernormalo Deutschlands – ein sehr gelungener Auftakt in der Brunsviga

Die Zuschauer betreten den Saal und werden von 11 Jugendlichen in verschiedenen, ausdrucksstarken Positionen im Freeze zwischen diversen bunten Haufen aus verschiedenen Kleidungsstücken auf der Bühne empfangen. Kaltes weißes Licht kommt hinzu und die Suche nach dem normalen, dem durchschnittlichen Menschen, dem l´homme moyen wie der Wissenschaftler Lambert Adolphe Jacques Quetelet es so schön in der Inszenierung erklärt, beginnt. Die in blauen Jeans und weißen Tshirts gekleideten Spieler*innen bilden dabei einen tollen Kontrast zu der am Boden liegenden Vielfalt.

Der Darstellendes Spiel-Kurs der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule aus dem 12. Jahrgang lädt in seiner Inszenierung (un)austauschbar ein, sich selbst zu hinterfragen. In welchen Situationen gibt oder verhält man sich eigentlich so, wie man wirklich ist und wann ist man eine angepasste Version seiner selbst? Dabei versuchen die Spielenden zunächst eine eigene Definition des Wortes „normal“ in Form von Interviews zu finden und steigern das Ganze mit einer Art Battle, einer Reihe, in der man immer wieder ganz vorne stehen möchte und Aussagen, wie „Ich bin am normalsten, weil … 

… ich gerne Käsekuchen esse.

… ich anderen die Tür aufhalte.

… ich meine Gabel links und mein Messer rechts liegen habe.

Besonders wirkungsvoll ist eine Alltagschoreo bestehend aus Gesten wie Musikhören, Gehen, Duschen, Anziehen und am Handy scrollen, die sehr rhythmisch und synchron von den Spielenden ausgeführt wird. Zunächst glauben wir einen Trott zu sehen, aus dem niemand ausbrechen möchte, um nicht ausgeschlossen zu werden oder einsam zu sein, doch das verändert sich im Laufe des Abends. So wird diese Choreografie erneut aufgegriffen und durch Ausbrüche und individuelle Gesten und Bewegungen erweitert. Unterstützt wird das Ganze zudem durch das Umbinden oder Anziehen verschiedener Kleidungsstücke und buntes Licht. Anstelle der cleanen Akteure in weißen Tshirts und blauen Jeans treten am Ende bunt gekleidete Individuen, die eben genau eins nicht wollen: austauschbar sein!

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis zeigt der Kurs schöne, lustige und eindrucksvolle Szenen, die durch fließende und passende Übergänge miteinander verbunden sind. Dabei wird die Gaußsche Glockenkurve und die entsprechende Formel von Schnurrbarttragenden Wissenschaftlerinnen, die Carl Friedrich Gauß höchstpersönlich vertreten, erklärt, eine Show namens „Deutschland sucht den Supernormalo“ mit dem Publikum gespielt und die Vorstellung des Supernormalos Sabine Michael Müller, einer 44,7 Jahre alten Person, mit chorischen Bewegungen untermalt. Die Gruppe präsentiert sich spielstark, konzentriert und hat immer wieder Überraschungen parat. Den Wendepunkt bildet eine Stimme aus dem Publikum, die die ganze Suche komplett hinterfragt und kritisiert, den Blick dafür öffnet nach links und rechts zu schauen und wahrzunehmen, dass jeder Mensch anders und besonders ist. Ein Spieler, der bisher Teil des Publikums war, hält einen überzeugenden Monolog, der die Suche nach dem Normalo beendet und persönliche Sorgen vor dem „Man selbst sein“ der Spielenden ans Licht bringt. Gehörten sie eben noch zu den 95%, die keine komischen Blicke auf sich ziehen, geht es jetzt um „Was ist wenn – Sätze“, die thematisieren, was passieren könnte, wenn die Spielenden in ihrer Individualität nicht anerkannt werden. 

Der Abend endet mit persönlichen Audios, die darauf aufmerksam machen, dass es vielleicht genau darum geht, auch mal eine andere Perspektive einzunehmen, andere Erfahrungen zu machen, nicht irgendwelchen Normen hinterherzulaufen und irgendeine Schablone zu erfüllen. Danke, für diesen wunderbaren Abend und diese rundum gelungene Inszenierung, die zum einen zum Nachdenken und Hinterfragen anregt, zum anderen eine sehr ästhetische Auseinandersetzung mit der Thematik mit überzeugenden Bildern gezeigt hat.

geschrieben von Franziska Baumgartner

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