Rezension zu „Pferde ja – Ziegen nein“

Wenn Pferd und Ziege aufeinandertreffen, oder: Der Jasager. Der Neinsager

 Pferde sind richtige People Pleaser. Sie heben zustimmend den Daumen, sagen laut und deutlich: JA! zu einfach allem. Ohne nachzudenken oder sich zu fragen: Was will ich eigentlich? Ziegen dagegen? Mähhh. Richtige Egoisten. Oder einfach nur schlau? Diesen tierischen Vergleich nutzt der Darstellendes Spiel-Kurs Jg. 12 des Theodor-Heuß-Gymnasiums Göttingen mit seinem Stück Pferde ja, Ziegen nein unter der Leitung von Claus Schlegel, um dem Publikum, das am Montagabend den Weg ins Kleine Haus gefunden hat, seine Version von Brechts Lehrstück Der Jasager, Der Neinsager zu präsentieren. Dabei bedient sich die Gruppe der Textvorlage als Gerüst, schreibt um, ergänzt und treibt die Brecht’sche Ästhetik auf die Spitze. Gestus. Checkst du?

 In Der Jasager begleitet ein Junge seinen Lehrer auf eine Reise, um seiner Mutter Medizin zu besorgen, wird unterwegs selbst schwer krank und opfert sich gemäß einem alten Brauch zum Wohl der Gruppe. Mit dem Gegenstück Der Neinsager stellt Bertolt Brecht diesen Brauch kritisch infrage und fordert zum Nachdenken über gesellschaftliche Regeln auf. Diese Gegensätzlichkeit zeigt sich nicht nur im Schwarz-Weiß von Kostüm und Maske. Sie spiegelt sich auch im Spannungsfeld zwischen Konformität und Individualität wider. Energetische Bewegungschöre treffen auf das bewusste Rausfallen aus der Reihe, Miteinander auf Gegeneinander.

Die Gruppe nutzt die Zäsur zwischen den beiden Textteilen für einen Bruch, der nicht nur mit Wihihis und Mähhhs gefüllt wird, sondern sich auch sprachlich von den eindrucksvoll gesprochenen, häufig chorisch inszenierten Originalpassagen absetzt. In der biografisch anmutenden Reflexion stellen die Spielenden einen glaubhaften Bezug zu sich selbst her und kommen zu der Erkenntnis, dass wir viele Dinge nur aus Liebe, Angst oder dem Wunsch, gemocht zu werden, tun. Dass ein bisschen mehr Verweigerung manchmal gut täte. Dass der Mut, ein bisschen weniger Pferd und ein klein wenig mehr Ziege zu sein, nicht schade.

Die rund 30-minütige Inszenierung besticht durch ausdrucksstarke, gut funktionierende Bilder, die mit passend ausgewählter Musik unterlegt sind, hohe Bühnenpräsenz, herausragende Energie und Ensemblegeist. Sie ist nicht nur ein Gesellschaftsexperiment auf inhaltlicher Ebene, sondern wird auch zum Experimentierraum für Brechts Ästhetik. So wird dem Publikum ein buntes Potpourri der Verfremdung präsentiert: Von Erzählerkommentaren, offen gezeigten Rollenwechseln, über fremdsprachliche Einwürfe bis hin zu übertriebener Gestik und der Anrede des Publikums ist alles dabei. „B.B. würde sich freuen“, schreibt hinterher eine Person auf das Feedbackplakat im Foyer. „Und wie“, möchte ich ergänzen.

I’m only human, don’t put the blame on me – mit dieser live gesungenen Forderung endet Pferde ja, Ziegen nein. Und damit das letzte Stück, mit dem Claus Schlegel die Braunschweiger Schultheaterwoche nach jahrelanger Treue bereichern wird. Die Inszenierung zeigt eindrucksvoll, dass Brechts Fragen nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Sie werden hier gemäht, gewiehert, bewegt und diskutiert. Wer den Abend miterlebt hat, wird vermutlich auf dem Heimweg kurz überlegt haben, wie oft er selbst schon Pferd war, obwohl eigentlich eine Ziege in ihm steckte. Und vielleicht auch, wie oft ein Nein kein Zeichen von Egoismus, sondern von Haltung gewesen wäre. 

geschrieben von Johanna Wolter

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