35 Minuten pure Männlichkeit – und jetzt?
Wie wird man eigentlich ein echter Mann? Mit dieser scheinbar einfachen Frage eröffnet der Prüfungskurs Darstellendes Spiel des Gymnasiums im Schloss unter der Leitung von Christian Krüger die Inszenierung A Man’s Play im Kleinen Haus des Staatstheater Braunschweig. Die Rahmenhandlung bleibt bewusst schlicht: Zwei Spielerinnen schlüpfen in die Rolle eines Jungen, der seinen Vater um Rat fragt. Was folgt, sind 35 Minuten einer absurden Reise durch die Bilderwelten der Manosphere, durch Rollenbilder, Erwartungen und Selbstoptimierungsfantasien.
Bereits die Kostüme sind ein echter Hingucker: rosa Jogginghosen, T-Shirts, die behaarte Männerbäuche zieren, dazu angeklebte Bärte. Die ästhetische Überzeichnung macht deutlich, dass hier nicht Männlichkeit dargestellt, sondern ihre Performanz untersucht wird. Unterstützt von einer Loopstation entsteht eine eindrückliche Klangkulisse: „Ey Schiri!“-Rufe mischen sich mit lautem Nasehochziehen und anderen vertrauten Signalen männlicher Selbstdarstellung. Ein Dad-Joke jagt den nächsten, Mauern werden um die Wette hochgezogen, das Publikum wird ungefragt über die angeblich überlegenen Fahrkünste von Männern aufgeklärt. Eine Deodose wird so lange leer gesprüht, bis sich auch die Zuschauenden fühlen, als säßen sie mitten in einer Jungenumkleide.
Doch all diese demonstrative Männlichkeit scheint nicht auszureichen, um ihr gerecht zu werden. Weder der Vater noch die selbsternannten Internetcoaches liefern eine befriedigende Antwort. Also versucht sich der Junge an einer anderen Version von Männlichkeit: Matcha statt Muskelshake, Yoga statt Wettkampf, Gefühle zeigen statt Härte demonstrieren, Lana Del Rey statt Alpha-Podcast. Doch auch dieser Gegenentwurf wirkt plötzlich wie eine neue Norm. Zu hart, zu weich, zu männlich, zu sensibel. Die zentrale Frage bleibt bestehen: Wie werde ich ein echter Mann?
Die große Stärke des Stücks liegt darin, dass es diese Frage nicht vorschnell beantwortet. Stattdessen öffnet die Inszenierung Räume für Widersprüche. Wie schwer es manchmal sein kann, Lösungen zu präsentieren, bei einem Thema, das aktueller und diskursiver nicht sein könnte, wird in der abschließenden Playback-Szene, in welcher der Kurs Einblicke in den eigenen Probenprozess gewährt, deutlich. „Was ist jetzt die Botschaft?“ wird dort gefragt. Die Antwort scheint klar: Menschen sollen sein dürfen, wie sie sind. Auch die männlichen Stimmen innerhalb des Kurses machen diesen Wunsch deutlich.
Gleichzeitig deutet das Stück dabei eine Perspektive an, die noch stärker hätte ausgearbeitet werden können. Welche Erfahrungen machen junge Männer heute in einer Gesellschaft, die zu Recht patriarchale Strukturen durchbrechen will? Wie fühlt es sich an, sich zwischen notwendiger Kritik an traditionellen Rollenbildern und dem Wunsch nach einer eigenen männlichen Identität zu bewegen? Und wie verändert sich der Blick auf Männlichkeit, wenn ein Ensemble, das überwiegend aus Mädchen besteht, dieses Thema untersucht? Das Stück provoziert diese Fragen, lässt die Antworten, Probleme und Lösungen aber oft offen. Eine Chance zum Weiterdenken und Raum für Diskussion wird dadurch aber in jedem Fall erschaffen: im Kurs, aber auch im Publikum.
Besonders überzeugend ist das Ensemble in seiner Körperlichkeit. Die Tanzszenen sind technisch auf hohem Niveau und verhandeln Männlichkeit auf ästhetisch anspruchsvolle Weise.
Hervorzuheben sind zudem die performativen Momente, die man im Schultheater nur selten in dieser Konsequenz erlebt. Eine Spielerin, die in einer Wolke aus Deonebel verharrt und so Männlichkeit auch riechbar macht, ein Schüler, der sich auf der Bühne seine Haare abrasiert, Gesichter, die in Eiswasser getaucht oder sichtbar schmerzhaft durchgeknetet werden, um endlich die Jawline eines echten Mannes zu kreieren oder die Wiederholung unzähliger Liegestütz machen die Absurditäten und die Folgen männlicher Selbstoptimierung sichtbar und erfahrbar. Technische Mittel und kleine theatrale Effekte unterstützen diese Bildsprache unaufdringlich und funktional, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Am Ende bleibt keine fertige Antwort. Stattdessen entlässt das Ensemble ein Publikum, das mit Sicherheit Anknüpfungspunkte gefunden hat. A Man’s Play macht nichts anderes als uns die Performanz von Geschlecht inhaltlich verdichtet und alphamännlich hinzurotzen, sensibilisiert dabei hoffentlich für die Rollen und Erwartungen, in die Menschen täglich hineingeraten, und macht sichtbar, wie selbst kleine Gesten und Haltungen jene Dynamiken stärken können, aus denen die Manosphere ihre Anziehungskraft bezieht.
geschrieben von Sophie Gittermann
