„Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein. Und trotzdem versuche ich es.“
Mit der Szenencollage „Was wir sind, wenn niemand hinsieht“ präsentierten gleich zwei Theatergruppen des Gymnasiums Kleine Burg unter der Leitung von Melanie Knop im Roten Saal des Schlosses eine ebenso unterhaltsame wie berührende Aufführung. Die Schüler*innen der Jahrgänge 5 bis 7 widmeten sich Themen, die ihren Alltag prägen: Wünschen, Ängsten und dem Zusammenleben in der Familie.
Der erste Teil, gestaltet von Schüler*innen der Jahrgänge 5 und 6, stand unter dem Motto „Wünsche und Ängste“. Dabei teilten die jungen Spieler*innen zunächst persönliche Wünsche mit dem Publikum. Ein eigenes Zimmer, ein Handy, ein Hund oder mehr Zeit mit Freunden… Aber auch der Wunsch, Schauspielerin oder Feuerwehrfrau zu werden, fand seinen Platz auf der Bühne. Ausgehend von diesen Aussagen entwickelten sich kurze Szenen, die stets nah an der Lebenswelt der Kinder blieben. Die schnellen Szenenwechsel, abwechslungsreichen Formationen und das engagierte Spiel sorgten dafür, dass die Aufführung durchgehend lebendig blieb. Einen eindrucksvollen Kontrast bildete der Übergang zum Thema Angst. Während rotes Licht schlagartig für eine andere Atmosphäre auf der Bühne sorgte, entstand durch hektische Bewegungen und ein langsames chorisches Sinken ein starker Moment, der das Publikum in den Bann zog. Anschließend traten die Kinder ans Mikrofon und sprachen offen über ihre Sorgen. Aussagen wie „Ich habe Angst, Fehler zu machen“ oder „Ich habe Angst, allein zu sein“ verliehen dem Stück eine bemerkenswerte Ehrlichkeit. Statt in den Ängsten zu verharren, endete jeder Beitrag jedoch mit einer optimistischen Note: „Ich habe Angst, nicht genug zu sein“ – „Und trotzdem versuche ich es.“ Hier zeigten die Darstellerinnen Mut, Verletzlichkeit und großes Vertrauen in die gemeinsame Arbeit.
Im zweiten Teil rückte das Thema Familie in den Mittelpunkt. Die Schüler*innen der Jahrgänge 6 und 7 eröffneten diesen Abschnitt stimmungsvoll mit Musik und eroberten die Bühne aus dem Publikum heraus. Ausgehend von der Frage, was Familie eigentlich bedeutet, entstand ein vielschichtiges Bild: Familie wurde als wichtiger Rückhalt beschrieben, zugleich aber auch als Quelle von Konflikten. Besonders bereichernd wirkte die Mehrsprachigkeit, die an einer Stelle ganz selbstverständlich eingebunden wurde. Als „Ich liebe meine Familie“ in unterschiedlichen Sprachen erklang, entstand ein zunächst irritierender, aber sehr persönlicher und berührender Moment. Die Szene machte deutlich, wie eng Familie, Sprache und Identität miteinander verbunden sind – schließlich ist die Sprache, die wir in unseren Familien lernen, oft ein prägender Teil dessen, wer wir sind.
Humorvolle Szenen aus dem Familienalltag sorgten immer wieder für Lacher. So wurde eine Urlaubsfahrt mit den bekannten Fragen „Sind wir bald da?“ und „Mir ist langweilig“ bis zum Höhepunkt „Mir ist schlecht!“ liebevoll überzeichnet. Auch Themen wie Käsebrote, Haustiere oder das lästige Helfen im Haushalt fanden ihren Platz. Daneben ließ die Inszenierung jedoch auch ernstere Töne zu. Aussagen wie „Ich habe das Gefühl, meine Eltern interessieren sich nicht für mich“ machten deutlich, dass Familienleben nicht nur aus Harmonie besteht. Umso überzeugender wirkte die Offenheit, mit der unterschiedliche Erfahrungen nebeneinanderstehen durften. Zum Abschluss verwandelte sich die Bühne in einen bunten Catwalk. Zu Lady Gagas „Born This Way“ präsentierten die Schüler*innen Glitzerplakate mit Botschaften wie „I love my brother“, „I love my sister“ oder „I love my Dad“, was einen schwungvollen und versöhnlichen Schluss setzte.
Das überwiegend junge Publikum verfolgte die Aufführung mit großer Aufmerksamkeit und sichtbarer Begeisterung. Immer wieder wurde gelacht, mitgefühlt und applaudiert. Am Ende bedankten sich die Zuschauer*innen mit langanhaltendem Applaus und Jubel für eine Inszenierung, die persönliche Themen ernst nahm und zugleich bestens unterhielt. „Was wir sind, wenn niemand hinsieht“ überzeugte durch Authentizität, Spielfreude und die Bereitschaft, die Gedanken und Gefühle der Spielenden in den Mittelpunkt zu stellen. Ein gelungener Beitrag zur Braunschweiger Schultheaterwoche!
geschrieben von Franca Kunovic
