„Wie sind die Gen Z. Wir sind viele. Wir sind bunt – regenbogenbunt. Wir sind die Zukunft. Nett, lustig, hilfsbereit, ehrgeizig, nachdenklich…“
Ja, nachdenklich sind sie wirklich. Das merkt man den Schüler*innen des 12. Jahrgangs der IGS Heidberg in ihrer Produktion „Gehirngeflüster“ deutlich an. Das spürt man, das hört man, das fühlt man. Das nimmt man ihnen ab.
Unter der Leitung von Jasmin Habel und Anna Harnack haben sich die jungen Performer*innen intensiv mit sich selbst, ihrer Generation, ihren Gefühlen und vor allem ihren Sorgen beschäftigt. Diese Gruppe, in der 15 Menschen an Gott glauben, 8 schon einmal geghostet wurden, von denen 15 glücklich sind, sich 8 schon einmal selbst verletzt haben, 9 schon einmal sexuell belästigt wurden, 11 Angst vor dem Klimawandel haben und 12 in den letzten zwei Wochen geweint haben, besteht aus fast 30 Jugendlichen, die uns tief in ihr „Gehirngeflüster“ einblicken lassen. In ihrer biografisch-performativ angelegten Produktion erinnern sie uns – das Publikum – in einer fiktiven, im Raumlauf präsentierten Retrospektive daran, was uns gegenwärtig gesellschaftlich oder politisch bewegt: „Weißt du noch damals, als es Krieg in der Ukraine und in Gaza gab? Weißt du noch damals – die AFD? Weißt du noch damals, als die Bahn immer zu spät kam? Weißt du noch damals, als Rassismus alltagstauglich wurde?“ Ein immer lauter werdender Chor an Gehirngeflüster, der zu Gehirngebrüll wird. Gedanken und Sorgen, die sich aufdrängen und dadurch unaufhaltsam und bedrohlich wirken. Es sind tiefgründige, ehrliche, literarisch gelungene Texte, die da aus dem Off poetryslam-artig auf uns einprasseln. Und all das unterlegt von K.I.Z.s „Hurra, die Welt geht unter“ oder manchmal etwas zu dramatischer bzw. zu dick auftragender Filmmusik. Diese Generation, sie hat Ängste. Sie möchte ernst genommen und gehört werden. Das wird in dieser Produktion auf überzeugende Art und Weise deutlich.
Und dann werden wir in einem Quizshow-Format auch noch direkt eingebunden und unangenehme Wahrheiten werden aufgedeckt: Jede 12. Person in Deutschland teile rechtsextreme Gedanken. 1/4 der Europäer seien der Meinung, dass eine Vergewaltigung akzeptabel sei, wenn Frauen z.B. zu sexy angezogen seien. Vier Mio. Tiere würden pro Jahr für die Wissenschaft leiden oder sterben. Von 100 Frauen, die vergewaltigt wurden, brächte es nur eine zur Anzeige. Im Publikum sorgen diese Wahrheiten teilweise merklich für Verwunderung und Diskussionen. Dass es aber notwendig ist, solche Wahrheiten anzusprechen, wird deutlich, als zwei Darstellerinnen ihr Sakko auf der Bühne ausziehen und aus dem Publikum durch Pfiffe gecatcalled werden. Manche scheinen das Anliegen dieser Gen Z auf der Bühne nicht verstanden zu haben. Welch ungeplanter Einbruch des Realen!? Sehr traurig, aber auch entlarvend – „Ich will weit weg von dem Scheiß, der auf der Welt im Moment passiert.“
Neben all diesen bedrückenden Momenten gibt es aber auch ruhige oder lustige Momente auf der Bühne, die uns Zuschauenden auch mal guttun, die uns unterhalten, wie z.B. die schön inszenierten, intimen Gespräche mit dem kleinen Ich von damals. Heimelig unter altmodischen Lampen und mit Kinderfotos, die auf einen Bilderrahmen projiziert werden. Oder den von den Performenden verbalisierten Wünschen nach fliegenden Hunden und Siegen von Eintracht Braunschweig.
Ja, die Gruppe ist sehr bei sich. Da ist viel Selbstbespiegelung! Da entstehen manchmal Längen, die ein bisschen nach Kürzung schreien. Körperlich hätten noch variantenreichere Bilder ausgearbeitet und gefunden werden können, die zu mehr Dynamik und Abwechslung geführt hätten.
Aber da sind auch diese überzeugenden Jugendlichen, diese Generation, die etwas loswerden möchte, die Sorgen und Ängste hat, und die uns diese mehr als glaubhaft und authentisch vermittelt. Danke für diese tiefgründigen Einblicke in euer „Gehirngeflüster“. Ihr habt uns bewegt! Gebt nicht auf! Kämpft weiter! Ihr seid die Zukunft! Macht die Welt regenbogenbunt!
geschrieben von Christian Krüger
Gehirngeflüster – Was uns bewegt
Das packende Theaterstück „Gehirngeflüster – Was uns bewegt“, aufgeführt vom Darstellenden Spiel Kurs des 12. Jahrgangs der IGS Heidberg, gewährt einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt der Generation Z. Mit einer beeindruckenden Kombination aus gefühlsbetonter Intensität, sozialer Kritik und kreativer Abwechslung räumen die Schüler mit alten Vorurteilen auf und zeigen, dass hinter den Bildschirmen viel mehr steckt als nur Social Media. In einer Zeit, in der Gen Z oft auf Klischees reduziert wird, demonstriert dieses Theaterstück, dass diese Generation weit mehr zu bieten hat als nur Bequemlichkeit. Die Schüler teilen offen ihre Gedanken, Träume, Wünsche und Ängste, und sie hinterfragen kritisch gesellschaftliche Erwartungen und aktuelle globale Themen wie den Klimawandel, Kriege und wirtschaftliche Herausforderungen. Das Stück gewährt einen umfassenden Einblick in die Sichtweise der jungen Menschen, die nach Gehör und Veränderung streben. Besonders hervorzuheben ist die kreative Gestaltung der Aufführung: Musik, Stimme und Tanz wurden geschickt integriert und sorgten für abwechslungsreiche und spannende Momente. Eine besondere Überraschung erwartet die Zuschauer, da sie aktiv in die Inszenierung einbezogen werden. Einige längere Szenen wirken gelegentlich etwas ermüdend. Zudem führte die Nervosität der Darsteller zu einzelnen undeutlichen Passagen.
„Gehirngeflüster“ präsentiert ein fesselndes Bühnenwerk, das von einer Gruppe aufstrebender junger Talente inszeniert wurde. Mit ihrer unerschrockenen Suche nach Veränderung und einem kritischen Blick auf die heutige Gesellschaft schaffen die Darsteller ein eindrucksvolles Theatererlebnis. Trotz einiger ausgedehnter Szenen und vereinzelter Nervosität der Akteure bietet das Stück einen tiefgreifenden Einblick in die Komplexität und das Engagement der Generation Z. Es lädt dazu ein, über die dargestellten Themen nachzudenken und verdient zweifellos eine erneute Aufführung.
Geschrieben von Melissa, Wilhelm-Bracke-Gesamtschule 11.Jahrgang
