Sopor
Als das Thema „Schlafen“ aufkam, haben wir uns gefragt, wie es uns gelingen soll, ein Stück zu entwickeln, bei dem auf der Bühne nicht bloß herumgelegen wird und am Ende dann tatsächlich alle vor Langeweile einschlafen…
– Diese Überlegung schnappte ich kurz vor der Aufführung vonseiten der Spielleitung auf und mir dämmerte, dass mich vermutlich einer dieser Theaterabende erwarten würde, bei denen das Publikum zum Durchatmen, Entspannen und Loslassen aufgefordert werden würde, um – angesichts der schnelllebigen Zeit, in der wir leben – endlich wieder einmal einen gesunden, erholsamen Schlaf erleben zu können; einen dieser Theaterabende, bei dem Schüler:innen in Pyjamas mit Kuscheltieren im Arm von ihren Einschlafritualen und Albträumen erzählen…
Zum Glück war der Darstellende Spiel Kurs des 12. Jahrgangs von der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule in der Auseinandersetzung mit dem Thema „Schlaf“ aber einfallsreicher:
Ja, es wurde zwar Pyjama getragen, und ja, es gab Momente, in denen das Publikum zu Entspannung und Stressabbau angeleitet wurde, das alles geschah aber mit einem Augenzwinkern und zumindest stellenweise mit der nötigen Portion Ironie, die der gegenwärtige Selbstoptimierungswahn der eigenen (Schlaf-)gesundheit erfordert: Schon vor Beginn wurde der Theatersaal mit Lavendelduft besprüht, später folgten ein Melatonin-Spray, spezielle Kissen, Decken, Matratzen, ein interaktiver, digitaler Schlafassistent und eine Barbie mit besonders schlaffördernden Eigenschaften – alle angepriesen in einer sich bis zum Absurden hin steigernden Verkaufsshow, die in einem starken Bild endete.
Als absolutes Schlaf-Optimum wurde das luzide Träumen angepriesen. Luzides Träumen ist die Möglichkeit, seine Träume bewusst steuern und erleben zu können. Auch das kann man lernen. Und verfügt man erst einmal über diese Fähigkeit, ist das Leben nur noch bunt und schön. Und so tanzen, springen, wirbeln und hopsen in einer toll gestalteten Traumsequenz Ritter auf Pferden, Einradfahrerinnen, Flugzeugpiloten und Hula-Hoop-Akrobatinnen über die Bühne – ein dynamisches Potpourri an Fröhlichkeit! – Aber nur, bis der nächste Albtraum auftritt, um – begleitet von wirkungsvoller Musik und choreografisch treffend gestalteten Elementen – den doch gerade erst so mühsam erarbeiteten Schlaf wieder zu stören.
Immer wieder wurden aber auch nachdenkliche Töne angestimmt: Wie kommt es, dass der Mensch das einzige Säugetier ist, das sein Schlafbedürfnis herauszögern kann? Ist es wirklich erstrebenswert, einen Weltrekord im Wachsein aufzustellen (aktuell 11 Tage)? Und warum haben wir Menschen nicht auf die alten Philosophen gehört, die schon damals wussten, dass man lernen muss, loszulassen, um gut schlafen zu können?
Antworten auf diese Fragen bleiben zwar aus, aber immerhin sind die Spielenden am Ende selbst so erschöpft, dass sie gemeinsam auf einer riesigen Luftmatratze einschlafen.
Ein Abend mit viel Witz, Freude und Ideen, der vor allem auch deswegen Spaß gemacht hat, weil das Publikum eine tolle Energie mitgebracht hat und den Spielenden mit großer Wertschätzung begegnet ist: Es wurden kleine Pannen zusammen weggelacht, kurze Texthänger verziehen und ein paar Längen ausgehalten. Donnernder Applaus und Gejohle für einen kurzweiligen Theaterabend – trotz oder vielleicht gerade wegen des Themas „Schlafen“.
geschrieben von Lisa Degenhardt
