Rezension „Alles, was dazu gehört“

WENDLA WILLS WISSEN – ein eindrucksvoller Abend mit „Allem, was dazu gehört“ 

Vom Vulven und Penisse kneten, über spontane, biografische Statements zu typischen Themen der Pubertät bis hin zu der Frage nach dem Sinn des Lebens.

„Zieh die 15 auf den Schuss hoch! Die Sechs ist die Gameshow und auf die Neun kommen die Liebesduette“. Dies ist nur ein kleiner Teil der beeindruckenden Szenen, die der Darstellendes Spiel Prüfungskurs Jahrgang 12 der IGS Peine unter der Leitung von Nadine Eckelt rund um Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ inszeniert hat. 

„Warum hast du mir das Kleid so lang gemacht, Mutter?“ (Wendla) 

Der Abend beginnt klassisch mit dem Prolog des Stückes als Audiospur, in welchem Wendla die Länge ihres Kleides hinterfragt und deutlich wird, dass ihre Mutter nicht möchte, dass sie so schnell erwachsen wird. Begleitet wird dieser Prolog von einem wirkungsvollen und emotionalen Solo Wendlas, welcher den Zwiespalt zwischen den beiden Figuren deutlich macht. Es folgt eine Diskussion darüber, wer aus dem Kurs für welche Rolle aus „Frühlings Erwachen“ geeignet wäre, die zum einen klarmacht, dass wir es mit einem Figurensplitting zu tun haben werden, und den Ein- und Ausstieg in die Rollen durch rote Röcke, Schleifen, Westen und Kragen perfekt etabliert. 

„Moritz, ich glaub ich bin verliebt.“   (Melchior)

„Ooooooh, so zack zack?“                  (Moritz)

„Ne, so bumm bumm zack.“              (Melchior)

Die Themen fehlende Aufklärung, ungewollte Schwangerschaft und Selbstmord aus dem Drama Wedekinds werden in dieser Inszenierung abwechslungsreich und überzeugend dargestellt. Wir sehen einen beeindruckenden Monolog Moritz’, der sich dann ein letztes Mal verbeugt und auf der dunkler werdenden Bühne in den Tod geht. Es folgt ein Schussgeräusch und ein schneller Wechsel in die nächste Szene. Der Atem stockt!

Wir sehen Wendlas, die in einem sehr gut ausgearbeiteten Sprechchor nun endlich wissen wollen, woher die Kinder kommen und dabei gut getimt mit einer Audiospur interagieren.

Hinzu kommen biografische Texte zum Thema Druck durch Schule und das eigene Elternhaus oder die eigene Persönlichkeit, welche in einem Sprechchor münden, der zum einen überzeugend und ausdrucksstark ist, aber auch den Wunsch der Spielenden „Lass mich wieder Kind sein“ vermittelt. 

Es wird sehr deutlich, dass die Spieler*innen sich intensiv mit dem Drama und den Figuren auseinandergesetzt haben und die Problematik dieser absolut durchdrungen haben. Selbst die Figuren der Lehrer*innen wurden ausgestaltet und werden überspitzt und witzig dargestellt. Zudem gelingt es ihnen, Rollenwechsel auf der Bühne im Fluss zu integrieren und die Texte Wedekinds klassisch zu sprechen als auch an ihren eigenen Sprachduktus anzupassen. 

Besonders beeindruckend sind auch die unterschiedlichen Liebesduette, die verschiedene Formen der Liebe, wie gleichgeschlechtliche Liebe, erste Liebe, das Spiel mit Nähe und Distanz thematisieren, oder die Gruppenchoreografie zum Thema Pubertät, welche typische Elemente wie Körperbehaarung, Schweiß, Sex, Drogen und Party aufgreift. Mutig, direkt mit allem, was dazu gehört! Den Magic Moment an Bewegung bildet für viele das Wendla Solo, welches von allen acht Wendlas ein zweites Mal getanzt wird und ihre ungewollte Schwangerschaft thematisiert. Die Wendlas steigen nacheinander aus der Choreo aus und sinken zu Boden, nur eine Wendla hält bis zur Erschöpfung durch, atmet. Das Stück endet mit eigenen Statements der Spielenden, in denen sie erklären, warum sie sich für das Leben entscheiden würden. Sie holen uns ab, bringen uns zum Nachdenken und zum Schmunzeln.   

Insgesamt ein toller, mutiger und kurzweiliger Abend, der eine großartige und spielfreudige Gruppe zeigt, die sich viele und bedeutende Gedanken gemacht und dafür eine abwechslungsreiche, lustige und schöne Umsetzung gefunden hat. Der es gelungen ist, uns „Frühlings Erwachen“ näher zu bringen und uns zusätzlich auch ein Stück von sich selbst gegeben hat. Außerdem wissen wir jetzt alle, wie ein Pilzpenis oder eine Mrs. Barbie auszusehen hat – Danke dafür!

geschrieben von Franzi Baumgartner

 

Alles, was dazu gehört

Was erlebt die Jugend in ihrem Prozess des Erwachsenwerdens? Stimmungsschwankungen, Körperbehaarung, Rasieren, Geschlechtsverkehr, Alkohol, Rauchen, Pickel, Hormone – all das und viele weitere Aspekte sind in der Pubertätsphase involviert. Der Druck, dem die Jugend von der Gesellschaft und von der Schule sowie von Gruppenzwang ausgesetzt ist, ist enorm und manchmal belastend.

All diese Themen wurden auf die Bühne gebracht am Donnerstagabend im Kulturzentrum Brunsviga in Braunschweig. Die Geschichte von Wendla, Melchior und Moritz aus dem Drama „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind erschien 1891. Diese Geschichte wurde vom Darstellenden Spiel-Prüfungskurs des 12. Jahrgangs Peine aufgegriffen und unter dem Titel „Alles, was dazu gehört neu interpretiert.

Ein ganz wunderbarer Anfang: Eine Figur des Stücks tanzt auf der Bühne und währenddessen findet über die Lautsprecher ein Gespräch zwischen einer Mutter und einer Tochter statt. Die Tochter ist verärgert, weil ihre Mutter ihren Rock zu lang gemacht hat. Dann gibt es einen Szenenwechsel und alle Figuren kommen auf die Bühne und sprechen nun kurz darüber, was wir Zuschauer auf der Bühne sehen werden, woher und von wem das Stück ist.

In zwei Phasen des Stücks gab es im Grunde einen „Wettbewerb. Beim ersten Wettbewerb gab es einen männlichen Moderator und es wurden etwa fünf Kandidat*innen sowie ein männlicher Kandidat aus dem Publikum ausgewählt (es war ein Lehrer aus der Schule). Die Kandidat*innen bekamen Ton und mussten aus dem Ton einen Penis formen. Natürlich gab es ein Zeitlimit. Während sie formten, feuerten die restlichen Figuren des Stücks im Hintergrund die Kandidat*innen an. Der Moderator sprach mit dem Publikum und belehrte uns im Grunde und gab uns Informationen über den Penis. Nach etwa einer Minute mussten sie mit dem Formen aufhören und das Publikum, also wir Zuschauer*innen, musste für den Penis applaudieren, den wir für den besten gehalten hatten und der war dann der Gewinner. Während des gesamten Wettbewerbs wurde ein Handy verwendet, um zu projizieren, was genau auf der Bühne passierte, da die Objekte für die Zuschauer zu klein waren. Somit konnte man als Zuschauer*in alles sehen, dies hielt ich für eine sehr clevere Idee. Es fühlte sich an, als wäre ich auch auf der Bühne.

Beim zweiten Wettbewerb war es ganz ähnlich, aber diesmal wurde er von einer Frau moderiert und eine Kandidatin wurde aus der Publikum ausgewählt. Und dieses Mal mussten sie eine Vulva aus Ton formen. Die Moderatorin begann auch, uns einige Informationen über die Vulva zu geben.

Sie spielten auch ein anderes Spiel. Dieses Spiel drehte sich um die Themen Pubertät, Einflüsse, Gruppenzwang und Schwächen. Eine Person ging nach vorne in die Mitte der Bühne und zog einen Zettel aus einem Hut und auf dem Zettel stand ein Thema, über das man 20 Sekunden lang sprach. Dies wurde im Wechsel gemacht. Der Rest der Figuren stand hinten. Themen, die aufkamen, waren: Schulstress, Abiturprüfungen, Rauchen, Alkohol, Schwangerschaft, Noten, Druck, Unsicherheiten, Pickel und Geschlechtsverkehr. Das letzte Thema war Sex und sobald die Person dies erwähnte, rannten alle weg. Stille, Dunkelheit, leere Bühne. Was ist passiert? Was passiert als nächstes? Szenenwechsel. Während des Stücks kam es mehrmals vor, dass ein Thema wie Sex erwähnt wurde und jeder versuchte, es zu vermeiden.

Im Folgenden werde ich zwei ähnliche Szenen beschreiben: 

Irgendwann unterhielten sie sich als Gruppe von Freund*innen, dann fing eine an, über Sex zu sprechen und alle rannten weg.

Eine andere Szene war zwischen einer Mutter und ihrer Tochter und sie versuchte, das Thema zu vermeiden, indem sie sagte, man könnte schwanger werden, wenn man sich in einen Mann verliebt, anstatt richtig zu erklären, wie eine Schwangerschaft zustande kommt. In unserer Gesellschaft ist dies ein sehr sensibles Thema, über das viele nicht offen sprechen. Die negative Auswirkung dabei ist jedoch, dass jüngere Menschen wichtige Informationen verpassen, über die sie eigentlich aufgeklärt werden müssten.

Das ganze Stück war im Grunde eine Mischung aus einigen Tanzchoreografien und Gesprächen. Die Beleuchtung war sehr gut. Wenn eine bestimmte Szene intensiv wurde, wurde die Beleuchtung sehr trüb und dunkel. Und die Bewegungen auf der Bühne waren auch sehr schnell. Dann gab es Szenen, in denen alles ruhig und entspannt war, sodass die Beleuchtung heller und farbenfroher war. Außerdem haben sie die Bühne sehr gut genutzt und alle Ebenen auch. Es gab Momente, in denen sie auf dem Boden lagen, und andere Momente, in denen sie auf Kisten standen.

Gegen Ende des Stücks ging jede der Figuren zum Mikrofon und beantwortete die Frage „Warum entscheide ich mich für das Leben?” Einige Antworten waren: weil ich meine Ziele erreichen möchte, weil ich die perfekte Mutter für mein Kind sein möchte, weil ich die Welt bereisen möchte, weil ich Multimillionärin werden möchte …

Die letzte Szene war ein sehr berührendes Ende von „Lass mich wieder Kind sein“. Dieser Teil konzentrierte sich auf den Druck, dem die Jugend ausgesetzt ist: .„Bekomme gute Noten!“, „Mach deine Hausaufgaben!“, „Mach deine Haare so!“, „Zieh dich so an!“… dann antwortet die Gruppe synchron „Lass mich wieder Kind sein!“.

Insgesamt haben die Spiele, die Wettbewerbe und Tanzchoreografien es leichter gemacht für das Publikum zu verstehen. Dadurch wurde die Botschaft, die sie vermitteln wollten, sehr klar und verständlich. Was mir am besten gefallen hat, war die Dramaturgie des gesamten Stücks. Es gab Momente, in denen sie als Einzelpersonen und dann als ganze Gruppe gesprochen haben, und es war immer perfekt und exakt eingesetzt, ohne Fehler. Das hat gezeigt, wie gut sie vorbereitet waren und wie viel harte Arbeit sie in das Stück investiert haben.

Persönlich mag ich Stücke mit viel Text und viel Gerede nicht wirklich, denn viele Stücke, die ich in der Vergangenheit gesehen habe, die zu viel Text enthielten, waren schwer zu verstehen. Aber dieses hier konnte ich deutlich verstehen. Es gab an einigen Teilen des Stücks, als sie auf der Bühne ohne Mikrofon sprachen, sprachen einige nicht laut genug, sodass man das kaum hören konnte. Trotzdem hat mir das Stück sehr gut gefallen, vor allem, weil es sich um ein Thema (Pubertät) handelt, das uns als Jugendliche betrifft, was wir in einer bestimmten Zeit unseres Lebens erleben oder erlebt haben. Es ist ein Thema, mit dem sich viele identifizieren können, und es ist sehr interessant und wichtig, ein solches Thema auf die Bühne zu bringen. Darüber hinaus könnten vielleicht auch die Eltern, die anwesend waren und das Stück gesehen haben, versuchen zu verstehen, wie sich die Dinge damals, im Vergleich zu unsere Zeit, verändert haben.

So eine erstaunliche einstündige Aufführung von der Gruppe mit großartigen jungen Schauspieler*innen. Das ganze Stück war sehr lustig, emotional, lehrreich, außergewöhnlich, aufregend und vor allem sehr informativ und der nicht enden wollende Applaus und Jubel des Publikums ist der Beweis dafür!

geschrieben von Nyasha von der Henriette-Breymann-Gesamtschule

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