Rezension zu „Von Mädchen und Wölfen – ein szenischer Protest“

Würdest du nachts allein in den Wald gehen?

Als Junge? Klar, warum nicht?

Als Mädchen? Nur vorbereitet.

Ausgehend vom Märchen „Rotkäppchen“, in dem der Wolf über ein Mädchen herfällt, das nicht auf die Mutter gehört hat und vom rechten Weg abgekommen ist, nähert sich der Wahlpflichtkurs der Henriette-Breymann-Gesamtschule Wolfenbüttel einem Thema an, das den ausverkauften Roten Saal zum betretenden Schweigen bringt: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Märchenhaft ist dabei nichts in dieser Inszenierung unter der Spielleitung von Lisa Degenhardt. Die Spieler*innen sprechen über die Faktenlage, über Schuld und Slutshaming, über Schutz für Töchter und Verantwortung für Söhne. Und sie lassen eine KI Texte über persönliche Erfahrungen vorlesen. Dies – gerade in dieser distanzierten Form – berührt am meisten: Alle aus dem Kurs haben schon sexualisierte Gewalt erfahren. Im Bus. An der Baustelle. Im Schwimmbad. Auf der Klassenfahrt. Es waren Fremde und Freunde, die ihnen das angetan haben. Und es waren immer Männer. Nicht alle Männer, ja, auch das thematisiert die Gruppe – aber sie machen auch deutlich, dass mehr dazu gehört, als nur nicht Täter zu sein. Alle – auch Jungs und Männer – tragen eine Verantwortung, Grenzen zu respektieren und andere auf falsches Verhalten anzusprechen.

Viel wichtiger ist in diesem Stück aber die Opferperspektive. Maskenmenschen begrapschen ein Mädchen, gleich darauf folgt Werbung für Gadgets, mit denen man sich gegen Männer wehren kann. Ist das die Lösung? Oder helfen die guten Ratschläge der Eltern: Bleib auf dem rechten Weg, Rotkäppchen! Der Selbstverteidigungskurs kann stärken, aber das eigentliche Problem bekämpft er nicht. Manchmal ist es eben doch leichter, ein Junge als ein Mädchen zu sein.

Die Schüler*innen bringen zum Nachdenken. Mit viel Mut zeigen sie ein äußerst aktuelles Thema auf der Bühne und beteiligen sich dadurch an der politischen Debatte. Dies von einem neunten Jahrgang zu erleben, beeindruckt und lässt Hoffnung aufkommen, dass die geforderte Solidarität weitergetragen wird. Damit alle ohne Angst vor Wölfen nachts allein durch den Wald gehen können.

geschrieben von Melanie Knop

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