Rezension zu „Vögel im Kopf“

„Wir sind die Generation, deren Kopf ein Käfig geworden ist“

„Vögel im Kopf“ – Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher

Was passiert, wenn Gedanken zu laut werden – und man ihnen nicht mehr entkommt? Mit ihrer Produktion „Vögel im Kopf“ hat sich der Prüfungskurs Darstellendes Spiel des Gymnasiums am Bötschenberg unter der Leitung von David Perner einer Frage gestellt, die viele Jugendliche spätestens seit Pandemiezeiten herausfordert.

Dass sich die Spielgruppe aus Helmstedt diesem Thema widmet, setzt dabei besonders nah an ihrer Lebenswelt an. In unmittelbarer Nähe zur psychiatrischen Klinik in Königslutter ist der Satz „Du landest irgendwann in Lutter“ vielen nicht unbekannt – oft leicht dahingesagt und doch mit einem ernsten Hintergrund. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Schülerinnen und Schüler sich den Themen psychischer Erkrankungen nähern und ihnen Raum geben. Die dramaturgische Entscheidung, auf Balance zwischen persönlicher Nähe und schützender Rollendistanz auf gestalterischer Ebene zu verzichten, trägt hier zu intensiven, aber auch klar irritierenden Momenten bei.

Grundlage der verwendeten Bühnenfassung ist ein Sachbuch mit Originaltexten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen. Dabei versteht sich die Helmstedter Inszenierung als Sprachrohr, wie gleich zu Beginn im Prolog verkündet wird: Erkrankte, Angehörige und Therapeutinnen und Therapeuten kommen zu Wort. Diese Vielstimmigkeit zieht sich durch den ganzen Abend und verleiht der Inszenierung starke Kraft und Vielschichtigkeit.

Die Bühne wird dabei als offene Therapie- und Erfahrungslandschaft gestaltet: Mit leuchtenden Hula-Hoop-Reifen, einem Jenga-Turm, Jonglage, Schleich-Tieren, Kartenlegen oder akribischem Zerkrümeln von Brot schafft das Ensemble starke Bilder für innere Zustände, vor deren Hintergrund die individuellen psychischen Erkrankungen teils in biografischen Berichten, teils in dokumentarischen Vorträgen entfaltet werden. Besonders greifbar werden diese durch personifizierte Darstellungen – etwa wenn die Depression als treuer, niedlicher Hund erscheint oder die Magersucht als scheinbar verständnisvolle „beste Freundin Ana“. Und auch der solistische Vortrag des Songs „Crazy“ erscheint so als berührender Kommentar zur eigenen Hilflosigkeit und dem Gefühl, in sich selbst gefangen zu sein. Überhaupt zeichnet sich die Aufführung durch eine hohe Intensität im Textvortrag aus, die das Publikum emotional erreicht und zum Mitfühlen einlädt – auch wenn die Liebe zum spielerisch-performativen Detail manchmal etwas von der Liebe zum gesprochenen Wort erdrückt wird.

Inhaltlich wird deutlich, dass Heilung kein linearer Prozess ist. Die Inszenierung zeigt verschlungene, oft langjährige Wege, die von Skepsis, Rückschlägen, Fehldiagnosen und Ambivalenzen geprägt sind – auch weil die Krankheit für einige Betroffene ein Teil der eigenen Identität geworden ist. Wie gibt man also den „niedlichen Hund“ weg oder überlebt die Kündigung der ehemals „besten Freundschaft“? Eine einfache Lösung bietet das Stück bewusst nicht. Stattdessen verdichtet sich am Ende die Erkenntnis: Heilung ist „eine Mischung aus Erschöpfung, Abstand, Erwachsenwerden und Zeit“, getragen von Therapie, Gesprächen, Selbstverzeihen und etwas so Grundlegendem wie dem Atem. Das chorische, ruhige Atmen des Ensembles im Schlussbild setzt hier ein starkes, verbindendes Zeichen.

Die Schülerinnen und Schüler begegnen ihrem Stoff mit großer Ernsthaftigkeit, Mut und Spielfreude. Sie schaffen es, ein sensibles Thema nicht nur darzustellen, sondern erfahrbar zu machen – und lassen die Vögel frei.

geschrieben von Juliane Trikojat

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