Rezensionen zu „Gestern, morgen, heute – Und Wir im Jetzt“

Vielfalt PUR!

Nicht nur das Wetter, sondern auch die feurige Vorstellung „Gestern, morgen, heute – und Wir im Jetzt“ der Hamburger Stadtteilschule Bergdorf brachte die Zuschauer*innen des Kleinen Hauses am Mittwochabend mit einem Feuerwerk aus theatralen Techniken und Requisiten zum Schwitzen.

Angefangen mit einem als Braunschweiger Tourguide fungierenden Darsteller im Löwenkostüm, über eine Diashow bis hin zu der Entleerung einer Gießkanne über eine Darstellerin in einem Planschbecken jagte ein Höhepunkt den nächsten.

Passend zu den drei im Titel genannten Zeitperioden wurde das Stück in drei Akte gegliedert die sich mit Erinnerungen (gestern), der heutigen Jugend (heute) und dem Verblassen von Erinnerungen im Alter (morgen) auseinandersetzen. Die Vorstellung wurde von zwei Darstellerinnen umrahmt, von denen eine  strickend und die andere Dias projizierend links und rechts am Bühnenrand saßen.

Doch nicht nur die Umsetzung der Inszenierung war ein Augenschmaus, sondern auch Freunde des intellektuellen Theaters kamen durch den historischen Tiefgang und der Auseinandersetzung mit der besonderen Bedeutung des (nicht) Vergessens voll auf ihre Kosten.

Somit bleibt nur zu sagen, dass die Hamburger Schüler*innen den Festivaltag mit ihrer gelungenen Inszenierung bereichert haben.

Hannah Gfrerer

 

„Nun kennst du den Löwen.“ Mit diesem Versprechen endet die Beschreibung im Programmheft. Und ja, wir kennen ihn. Wir haben die Löwinnen und Löwen kennen gelernt, welche im Rahmen ihrer Identitätsfindung die unterschiedlichen Hürden des Lebens zu meistern haben. Identitätszuschreibungen von außen, Selbstfindung und Aufarbeitung und Umgang mit Erinnerungen. Das Ende der Löwen liegt im Morgen und wird von Anfang an durch das Stück hinweg gestrickt. Der Zugang erfolgt über die gefühlte Gesamtheit vieler theatraler Methoden. Mit Hilfe des performativen Theaters wurde den Zuschauer*innen das Thema durch chorisches Sprechen, Raumlauf, Videoperformance bis hin zum Bruch der vierten Wand näher gebracht. Hierbei zeigten die Schüler*innen eindrucksvoll ihr erlerntes Repertoire. Die hier erwähnten Elemente sind nur ein Bruchteil davon. Weniger wäre mehr gewesen. Nicht immer war es möglich, allem zu folgen. 16 Personen gleichzeitig auf die Bühne zu bringen, muss gut durchdacht sein. 3-4 zeitgleiche Spielorte, 2 visuelle Projektoren und eine laute Musik sorgten zeitweise für Reizüberflutung und stellten die Leistungen der einzelnen  Schüler*innen in den Hintergrund.

Durch kurze Lesungen wurde das Stück in drei Akte gegliedert, welche sich in Teilen mit dem Titel identifizieren ließen. Die einzelnen Szenen, welche in manchen Fällen wie Teile einer Werkschau wirkten, ergaben im Rahmen des Stückes immer mehr Sinn und Zusammenhang. Es ist an dieser Stelle durchaus empfehlenswert, nach einer ersten eigenen Interpretation des Zuschauers das Theaterstück erneut mit einem anderen Fokus zu betrachten. „Nun kennst du den Löwen.“ – Ja und Nein. Gern würde ich das Stück noch einmal sehen, um die Bilder unter den neuen Gesichtspunkten besser genießen zu können und neue Impressionen zu erhalten. Vielen Dank für tolle Bilder, Diskussionsgrundlagen und inspirierende 60 Minuten.

Alexander König

 

Das Leben ist eine Reise mit einem Anfang und einem Ende.

Auch das Stück “Gestern, morgen, heute – Und Wir im Jetzt”  besticht durch seine klare Struktur in drei Akten, in welchen es den Schülerinnen und Schülern gelungen ist, abstrakte Begriffe wie Zeit, Erinnerungen und Vergessen anschaulich darzustellen. Die biographische Herangehensweise sowie der variable Einsatz einer Vielzahl theatraler Mittel und visueller Medien ergeben einen interessanten Mix. Einzelnen Szenen werden immer mal wieder durch Musik oder akustische Signale untermalt, was einerseits für eine starke Symbolik sorgt, andererseits aber auch zuweilen das gesprochene Wort überdeckt. Wiederkehrende körperliche, nahezu tänzerische Elemente sowie zwei Randfiguren, die intensiv ihren Beschäftigungen abseits der Handlung im Fokus des Zuschauers nachgehen, runden die Darstellung ab und schaffen eine Verbindung von Anfang und Ende.

Ein handwerklich vielseitiges Theaterstück, welches sowohl durch die starke Symbolik als auch durch den Einsatz visueller Medien keine Langeweile aufkommen lässt.

Michelle Herbert

 

Eine Hamburger Schule und die Geschichte Braunschweigs? „Gestern, morgen, heute – und Wir im Jetzt“ deutet bereits eine biografische Auseinandersetzung an und lässt damit das Publikum bereits gespannt sein auf die Verbindung der Spieler*innen zum Spielort Braunschweig. Auch das verpackte Geschenk, das schon zu Beginn auf der Bühne zum Auspacken bereit steht, erzeugt eine neugierige Spannung. Langsam erwachen die Spieler*innen der Stadtteilschule Bergedorf zum Leben und vermitteln uns auf eine vielfältige Art und Weise ihre persönlichen Erinnerungen, lassen uns teilhaben an ihrer Identitätsfindung, ihren Erfahrungen, ihrem Werden und ihrem Vergessen, dem Wunsch nach dem Vergessen. So gelingt es, dass jede*r Spieler*in sich mit seiner Biografie und seinen Fähigkeiten einbringen kann, auf seine Art und Weise und auf vielschichtigen Ebenen seine Geschichte erzählt, sprachlich, körperlich, musikalisch, durch das Lesen des Tagebuches, der Erinnerungen und Wünsche, durch Videomaterial, durch Bewegungsabfolgen, Wörter und Bilder.

So bleibt methodisch wenig Spielraum für Wünsche offen, ein großes Repertoire wird ausgeschöpft. Für den einen wirkt es im Vergleich zum Inhalt vielleicht überladen, hält aber durch immer neue Ideen den Spannungsbogen aufrecht. Besonders die bildhafte Wirkung ist es, die mir im Gedächtnis bleibt. Dabei vor allem eine Szene, in der eine Schülerin ihre zunächst missverständlichen Gedanken, ihre Schmerzen, ihre Freude, ihre peinlichen Unfälle, sprachlich nicht verdeutlicht bekommt und schließlich ihre Mitspieler*innen als Protagonist*innen nutzt, sie ihre Erinnerungen darstellen lässt und diese bildlich mit einem gelben Faden verstrickt. Es wirkt schließlich wie blitzende Gedanken, ein Gehirn, ein Konstrukt aus vielen verwirrenden Teilen. So ist es nicht nur die Bildhaftigkeit des Stücks, die in diesem Teil deutlich wird, sondern auch das gute Zusammenspiel der Spieler*innen. Es gelingt der Spielleitung durch das ganze Stück hinweg, alle Spieler*innen einzubinden, etwa durch viele gemeinsame choreografische Elemente. Den Spieler*innen wiederum gelingt es, das ganze Stück über präsent zu bleiben, Spannung zu halten und mit Mut zu spielen, sowohl körperlich als auch stimmlich.

Nicht nur methodisch bewegt sich das Stück auf vielfältigen Ebenen, auch inhaltlich wird das Thema Erinnern mehrschichtig behandelt. So bleibt es nicht beim persönlichen Erinnern, sondern auch dem Erinnern innerhalb einer Gesellschaft wird Raum gegeben und damit schließlich auch der Bogen zur Stadt Braunschweig gezogen, der Geschichte des Löwen und der ganz persönlichen Geschichten des Publikums.

Antje Hilmer

 

Mein Freund Hasi

Wer war ich, wer bin ich, wer will ich sein, und was möchte ich am liebsten vergessen? Die Auseinandersetzung mit den ganz persönlichen Erinnerungen bildet den gemeinsamen Kontext der knapp 60-minütigen Collage des Profils RaumIdeen des 10. Jahrgangs der Stadtteilschule Hamburg Bergedorf.

In kurzen Episoden setzen sich die 16 Darsteller*innen mit ihrer eigenen Biografie auseinander und stellen diese unter Nutzung einer großen Methodenvielfalt auf der Bühne dar. Erwachen zunächst alle langsam zum Leben, geht es danach temporeich durch die einzelnen Szenen. Das geliebte Stofftier Hasi, welches seit Kindesbeinen treuer und steter Begleiter ist, findet als Videoprojektion seinen Weg auf die Bühne und wird empathisch bejubelt. Aber auch sehr emotionale Erinnerungen an Situationen wie den ersten Kuss, starke Zahnschmerzen, einen Sturz oder ein ausgiebiges Lachen bzw. Weinen werden unter den Mitspieler*innen über einen Erinnerungsfaden miteinander verwoben und so lange in der Gruppe geloopt, bis der finale Schnitt mit der Schere diesen durchtrennt. Dinge, die wir am liebsten vergessen möchten, werden in Form kleiner Steine in einen Brunnen geworfen, um sich auch symbolisch davon zu befreien. In dieser und vielen weiteren Formen schafft es die Gruppe ein ums andere Mal kraft- und eindrucksvoll, eigene innere Bilder für die Zuschauer*innen erfahrbar zu machen.

Neben gelungenen chorischen Elementen, kurzen Texten, Raumläufen und Tanzeinlagen kommen auch Diaprojektionen, sowie das Durchbrechen der vierten Wand zum Einsatz. Dabei überzeugen die Darsteller*innen durch eine konstant hohe Konzentration, große Spielfreude und viele ausdrucksstarke Gruppenbilder.

Nicole Weinert

 

 
“Where in your mind do you put what you can’t understand?”, grob übersetzt: Was machst du mit Dingen, die du nicht verstehst? Es geht um Erinnerung. Und so klar wie unsere Erinnerungen sein mag, sind sie doch nicht so deutlich. So spielen die Zehntklässler*innen der GSB Bergedorf aus Hamburg unter der Leitung von Katja Tommek und Philipp Radau eine abwechslungsreiche Collage von Szenen mit Andeutungen an die persönlichen Erinnerungen der Spieler*innen.

Es fängt an mit zwei verpackten Geschenken. So haben wir die Erwartungen, dass Einiges im Stück ausgepackt wird, was aber nur zum Teil der Fall ist, denn die biographisch-inspirierten Erinnerungen, die dieses Stück antreiben, bleiben abstrahiert, geheim. Die Darstellung der Erinnerung ist im Gegensatz dazu leicht erkennbar. Mit Freude tanzen die Spieler*innen in die regenbogengefärbte Welt der Erinnerung hinein. Es gibt alle Arten von theatralischen Mittel, um das Publikum zu unterhalten: Videos (inklusive Filmtrailer), Chorsprechen, eine Vielzahl von gleichzeitigen performativen Aktionen, Interaktion mit einzelnen Zuschauer*innen, sogar fliegende Wappenbilder über dem Publikum. Die Spieler*innen werden selbst zu Erinnerungen, mit einer Kakophonie an Emotionen, die das Publikum zugleich quält und beeindruckt. Und der rote Faden hat nicht gefehlt, er wurde um alle Spielenden herumgewickelt und dann gleich abgeschnitten, so ist das manchmal mit unserer Erinnerung: Vergessen gehört auch dazu. Das Vergessen thematisieren die Spieler*innen auch, indem sie die Steine ihrer Erinnerungen in einen Brunnen hineinwerfen. Das hat mir gefallen – es gibt bei jedem etwas, das wir gern vergessen würden. Allerdings darf man in diesem Stück nicht zu viel vergessen, die Wiederholungen von Musik, das Vorlesen aus einem Buch, und die zwei immer wieder auftauchenden Charaktere der Strickdame und Projektionstechnikerin funktionieren genau wie echte Erinnerungen; immer mal wieder da. Sogar das Thema lernen wird mit dem Braunschweiger Löwen durch eine kleine Unterrichtsstunde angerissen. Der Löwe hat gleichzeitig zwei Publika: das echte und das von den Spieler*innen, und unterhält mit wenig bekannten Informationen über Braunschweig. Allerdings wirkte für mich die Szenenstrecke etwas willkürlich. Zum Schluss wird das Geschenk wieder eingepackt und die live gestrickte Arbeit langsam auseinander genommen, und dabei wird mir diese Rolle des Strickens endlich klar: wieder der Faden und die Erkenntnis, dass unsere Erinnerungen sich auch wieder auflösen.

Für ein so persönliches Thema wie Erinnerung hatte ich mir mehr zwar einerseits ein wenig mehr Tiefgang als nur „die erste Erinnerung an…“  gewünscht, andererseits sollte das Stück natürlich auch keine Therapiestunde sein, und das war es dann auch nicht. Die Spieler*innen haben mit ihrer starken Präsenz und Einstimmigkeit gezeigt, dass sie trotz der Individualität des Themas zusammen als Gruppe voll dabei waren, und das ist eine schöne Erinnerung.

Merry Lipinski

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