Rezensionen zu „Noch so ein Schuldrama“

Knistern zwischen den Blicken

Die Handlung ist schnell erzählt: Eine Gruppe von sieben international zusammengewürfelten Mädchen sieht sich nach den großen Ferien im Internat einem unverhofften Problem gegenüber. In den vergangenen sechs Wochen hat sich ihre Beziehung zueinander grundlegend verändert. Aus der zuvor engen Mädchenriege, die eigentlich nichts und niemand auseinander bringen konnte, haben sich ohne ersichtlichen Grund zwei Cliquen mit unterschiedlich gelagerten Interessen gebildet: Shoppen versus Schule. Der Konflikt — ausgelöst durch eine heimlich gefilmte Handyaufnahme einer der beiden Gruppen — findet seinen Höhepunkt in einer körperlichen Auseinandersetzung, die tänzerisch dargestellt wird. Hier greift pädagogisch die etwas moralisierende altkluge Schulleiterin ein, die auch als Erzählerin fungiert (ihren Text liest sie leider wenig betont ab). Sie sperrt alle sieben Streithennen in einen Raum und setzt auf einen selbstreinigenden und klärenden Prozess, der auch prompt funktioniert. Die Schülerinnen vertragen sich und verstehen in einer Rückschau fünf Monate später nicht mehr, was sie damals geritten hat. Also ein Happy End! Das rund 30-minütige Schuldrama des 10. Jahrgangs der Oberschule Bad Harzburg des WPK Tanztheater ist nach Manier eines klassischen Musicals inszeniert: Die Tanzszenen dominieren und sind zum größten Teil synchron. Hier brilliert besonders eine Darstellerin, die sich sicher und gekonnt bewegt und recht mutig, frech und provokativ eine Nummer aus „Cats“ darbietet, ohne Angst vor Blamage. Anerkennendes Gemurmel aus dem hauptsächlich aus Schüler*innen bestehendem Publikum gibt ihr recht. Schade, dass sie dadurch ihre Mitstreiterinnen in den Schatten stellt, die weniger ausdrucksstark und variationsreich agieren und mit privaten Momenten öfter aus ihren Rollen fallen. Die mittels Playback dargebotenen Musikstücke, kreuz und quer aus der Pop- und Rockgeschichte, unterstreichen schön die emotionale Achterbahnfahrt der jungen Protagonist*innen sowie das Geschehen und tragen die Handlung. Im vorletzten Akt, in der sich alle versöhnen, ertönt erwartungsgemäß, aber klischeehaft passend zum Genre herausgearbeitet, ein tränenreicher Song. Nun kommen die verteilten Knicklichter zum Einsatz, die von den jungen Zuschauer*innen stimmungsvoll im abgedunkelten Theaterraum hin und her geschwenkt werden. Die einhellige Meinung einer befragten 11. Klasse, die selbst Darstellendes Spiel gewählt hat: Die Inszenierung hat ihnen gute Laune gebracht. Wer vorher schlecht drauf war, ist es danach nicht mehr.

Gudrun-Sophie Frommhage-Davar

 

Noch so ein Schuldrama?

Ebenso unentschlossen wie der Titel selbst kommt leider auch die Inszenierung des WPK Tanztheater der Oberschule Bad Harzburg daher.

Die dargestellte Geschichte bleibt trotz des aktuellen und im Grunde ergiebigen Stoffs um heimlich gefilmte, intime Situationen, unterschiedliche Persönlichkeiten, die aufeinander prallen, und Konfliktlösungsmöglichkeiten nur an der Oberfläche. Die Inszenierung erinnerte eher an eine klischeehafte, amerikanische Highschool-Drama-Verfilmung: So liest die Lehrerin des Internats an der Alpenspitze, Frau Müller, als Erzählerin in der Rückblende ihren Text vom Blatt ab, sodass Teile der Handlung nur erzählt und nicht gespielt werden und der Zuschauende auch deshalb kaum eigene Gedanken entwickeln kann. Ein getragenes Plakat mit der Aufschrift ,,5 Monate später“ bekräftigt diesen Eindruck.

Die tatsächlichen Tanzeinlagen waren lang und sehr ambitioniert und erforderten von den Spielerinnen sicherlich viel Mut, der dafür aber an anderen Stellen fehlte – der Mut, dem Publikum gedankliche Spielräume zu lassen.

Das wirft die Frage nach der Verantwortung der Spielleitung auf.

Denn, wenngleich die Story seicht war, standen heute sieben junge Spielerinnen auf der Bühne, die dazu entschlossen waren, ihr Bestes zu geben. Klare Formationen, Zeitlupen und eine scheinbar unendliche Energie zeigten deren Spielfreude und Motivation.

Und genau für dieses Engagement des Ensembles habe ich auch gern ein Knicklicht „angezündet“.

Miriam Müller

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