Rezensionen zu „Das Haus in Montevideo“

Das Haus von Montevideo – eindeutig zweideutig

In der Ankündigung im Programm heißt es: ,,Bei Familie Nägler ist die Welt noch in Ordnung“ – was einem in den ersten zehn Minuten des Stücks sauer aufstoßen muss. Der selbstverliebte Vater, den es in keinem Jahrhundert gegeben haben sollte, drillt, belehrt und züchtigt seine zwölf Kinder und seine Frau, sodass man in Zeiten der Emanzipation und der Toleranz gegenüber verschiedensten Familienmodellen wohl kaum davon ausgehen kann, dass ,,alles in Ordnung“ ist.

Und genau hierin überzeugt die Leistung der Darsteller*innen ganz besonders, da sie es geschafft haben, einer verstaubten und klischeehaften Geschichte nicht nur Leben einzuhauchen, sondern auch Anstöße für eine kritische Auseinandersetzung zu liefern.

Der Kontrast als Gestaltungsmittel wurde konsequent genutzt, um bei den Zuschauenden ein Hinterfragen der Rollen und der Situation auszulösen. So bringt in Requisiten, Kostümen und Bühnenbild erst das Haus von Montevideo Farbe ins Spiel: Bunte Kleider und kreative junge Frauen stehen der ,,moralischen Festigkeit“ des Vaters und des Pfarrers gegenüber und bringen deren schwarz-weiße Weltsicht ins Wanken.

Chorisches Sprechen und Formationen werden durch tänzerische Leichtigkeit aufgebrochen.

Die steifen, unflexiblen Charaktere werden so überspitzt und typisiert gespielt, dass sie sich selbst humoristisch in Frage stellen. Wenige charmante Versprecher unterstützen diese selbstironische Herangehensweise. – Das muss man erstmal schaffen!

Schade war es jedoch, dass nur wenige viel Bühnenzeit bekamen, wenngleich zu spüren war, dass die Kraft des gesamten Ensembles in der Inszenierung steckte.

Die HvF Acting AG hat eine klassische Komödie erfolgreich ins 21. Jahrhundert geholt.

Ich habe selten so ernsthaft gelacht!

Miriam Müller

 

 

Bei Familie Nägler ist die Welt noch in Ordnung. Der untadelige Professor Traugott Herrmann Nägler lebt mit seiner Frau Marianne und seinen zwölf Kindern in einer spießbürgerlichen Kleinstadtidylle. Als die älteste Tochter Atlanta von Näglers verstorbener Schwester Josefine ein Haus in Montevideo erbt, ist der moralisch integre Professor zunächst gar nicht erbaut, war seine Schwester doch das schwarze Schaf der Familie. Doch gemeinsam mit Pastor Kiesling, einem Freund der Familie, gelingt es Atlanta ihren Vater zur Reise nach Montevideo zu überreden.

Und darin liegt die eigentliche Stärke des Stückes: In Montevideo geraten nicht nur die Moralvorstellungen Näglers ins Wanken, sondern auch die bis dato steif gespielten Schüler*nnen. Nicht nur innerhalb der sprachgewaltigen Dialoge, sondern auch in der schauspielerischen Ausgestaltung der Rollen wird ihre eigene kritische Auseinandersetzung mit den zeittypischen Stereotypen spürbar. Pastor Kiesling schlürft mit Birkenstockschuhen, nackten Beinen unter seinem Gewand über die Bühne und genießt lieber das frisch duftende Croissant als sich zu einem Gebet zu erbarmen, Frau Marianne nimmt nur schmunzelnd zur Kenntnis, dass sie wegen eines Formfehlers mit ihrem Traugott Goettergatten ‚Gott sei dank‘ nicht verheiratet ist, sodass es jetzt zwölf uneheliche Kinder gibt und sie die Erbin von über einer Mio. Pesos ist.

Das zieht eine Doppelhochzeit nach sich: eine nachgeholte und eine zwischen Atlanta und Herbert. Gebührend werden nicht nur die Hochzeitspaare, sondern vor allem alle Spieler*nnen und die Spielleiterinnen mit tosendem Applaus gefeiert, für die Qualität der sprachgewaltigen Dialoge, der grandiosen schauspielerischen Leistung und nicht zuletzt leidenschaftlich agierender  Spielleiterinnen der HvF Acting-AG, Christine von Samson-Mark und Franka Gerstmann, die selbst zu Tränen gerührt auf die Bühne geholt wurden.

Karina Fäsche

 

Die Spieler*innen der Acting-AG des Gymnasiums Hoffmann-von-Fallersleben-Schule Braunschweig haben sich mit ihren Spielleiterinnen Christine von Samson-Mark und Franka Gerstmann die Komödie „Das Haus von Montevideo“ von Curt Goetz ausgewählt und auf die Bühne gebracht. Ein Stück über Moral, Versuchung und Belohnung der Tugend, das schon von der Textgrundlage her mit viel Wortwitz, Ironie und einem kabarettistischen Grundton angelegt ist. So war der Fokus der Inszenierung rasch klar. Der Text und die starr angelegten Rollen standen im Mittelpunkt der Inszenierung. Dieser Herausforderung wurden die Spieler*innen überwiegend bewundernswert gerecht. Mit großer Ernsthaftigkeit spielten sie ihre stereotyphaften Rollen aus. Auch wenn sie zu Beginn zum Teil von der enormen Textlast gehemmt schienen, wurden im Laufe der Aufführung die Spielfreude, die Begeisterung für das Stück und die Identifikation mit der jeweiligen Rolle immer deutlicher, so dass die – bisweilen mutige – spielerische Leistung insgesamt sehr beeindruckend war und bei den Zuschauer*innen immer wieder für verzückte Lacher sorgte. Der Einsatz theatraler Gestaltungsmittel kann grundsätzlich als gelungen bezeichnet werden. So unterstützten die Spieler*innen die zunächst schwarz-weiß gefärbte Weltanschauung des Vaters mit einer konsequent umgesetzten entsprechenden Kostümierung, zu der die bunten Kostüme im Haus in Montevideo in wirkungsvollem Kontrast standen. Auch die befehlsartige Sprache, die geradlinigen und exakten Gesten und Bewegungen auf der Bühne im ersten Teil der Inszenierung stehen dem mit viel Melodie, Gesang und leichtfüßigen Tanzeinlagen gestalteten zweiten Teil gegenüber, was vom Pianisten wunderbar getragen wurde. Die gut unterhaltenen Zuschauer*innen zollten dieser Leistung der HvF Acting-AG mit viel Applaus Respekt.

Maria Reminghorst-Fehn

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