Rezension zu „What happened to Monday?“

Eingesperrt im Ausgesperrt-Sein

Jeder Spielleiter kennt das: Schüler*innen beschäftigen sich gern mit Dystopien. Der Untergang fasziniert, weil er die Phantasie beflügelt.

Der Prüfungskurs im 12. Jahrgang von der CJD Christophorusschule Braunschweig (Spielleitung: Anja Nies) hat sich den zuletzt sehr erfolgreichen dystopischen Film „What happened to Monday?“ (Tommy Wirkola) zur Vorlage genommen. Was die Gruppe am Setting interessiert hat, war aber nicht die Geschichte der weiblichen Maske, die oft grausame Anpassung der Identitäten und das Rätsel um Monday (obwohl sie den Titel beibehalten haben). Vielmehr konzentrieren sich die sieben Spieler*innen ganz auf den Innenraum, versuchen das Leben in der normierten Gleichförmigkeit abzubilden.

Der Raum wird mittels einfacher Elemente aus der Gegenwart in die Zukunft transformiert: Die Graphen des Oszilloskopen, die elektronischen Tonimpulse, die unnatürlichen Silberwände sowie ein überlanger schwarzer Tisch, der der Familie als Versteck dient, beschreiben einen Raum, aus dem es kein Entkommen gibt, es sei denn unter Preisgabe der Individualität.

Die Familienmitglieder tragen die Namen der Wochentage und dürfen nur jeweils an dem Tag, nach dem sie heißen, die Wohnung verlassen. Ihre Uniformierung wird durch einen glänzenden Einfall gekennzeichnet: Sie tragen durch Klebestreifen ähnlich gemachte Kleidung, Pflaster im Gesicht (die für Narben stehen) und später müssen sie sich das gleiche Tattoo „stechen“, was durch einen schwarzen Streifen auf dem Unterarm verdeutlicht wird.

Um die Monotonie und Einförmigkeit ihres Alltags darzustellen, hat die Gruppe Szenen gebaut, die aus Wiederholungssequenzen bestehen. Zwischen Freeze und genau getakteten Bewegungen schreiten sie einen Raum des Immergleichen ab, unterstützt durch geeignete Musik wie Mobys „Flower“. Das kann dann auch für den Zuschauer etwas langatmig werden, wenn er bei sich feststellen muss, dass die Umsetzung von Langeweile und Überdruss auch ihn nach einer gewissen Zeit nicht mehr interessiert. Mit der Frage, wie sich Monotonie interessant darstellen lässt, hätte sich die Gruppe eventuell etwas ausgiebiger beschäftigen dürfen.

Für Abwechslung und Auflockerung sorgen Szenen, in denen die Individualität der einzelnen Familienmitglieder in Phantasiespielen oder auch im Streit sichtbar wird. Da wird von Träumen erzählt und vom Wunsch, ein Boxer zu werden.

Der politische Hintergrund wird durch zwei Szenen verdeutlicht, die außerhalb des Raums spielen: Eine selbst erstellte Videomontage gemahnt an die Überbevölkerung und preist das Heilmittel des CRYO-Schlafs, das die unbedingte Ein-Kind-Familie erzwingt. Und eine Straßenszene lässt uns und eine der Töchter Zeuge sein, wie Menschen mit grausamer Entschlossenheit auf  Geschwisterkinder gecheckt werden und wie schließlich ein solches verschleppt wird zum Wohle der Menschheit.

Die Gruppe spielt mit guter Präsenz und zeigt durchweg einen erkennbaren Ensemblegeist.

Die eigentliche Handlung um Monday (siehe Titel) bleibt aufgrund der nur spärlichen Andeutungen bis zuletzt eher unklar. Auch der abrupte Schluss gibt vielen Zuschauer*innen Rätsel auf, wie das anschließende Nachgespräch zeigt.

Am Ende bleibt ein starker Eindruck, hervorgerufen durch die Sichtbarmachung des Eingesperrtseins und durch die Erarbeitung des abgezirkelten Raumes; es bleibt aber auch ein etwas unbefriedigendes Gefühl, da Möglichkeiten zur Dramatisierung und Steigerung der Spannung, die einen Schluss wie den gezeigten erzwingen, nicht gründlich genug erforscht wurden.

Claus Schlegel

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