Rezension zu „Schlussszene“

Dienstag, 4.6.2019, 10.00 Uhr morgens, draußen sind es bereits 27 Grad. Als ich den Spielort betrete, wartet auf uns bereits eine Gruppe aus Spieler*innen. Maskiert, in Winterkleidung, vorbereitet für eine große Aufgabe und irgendwie aus einer anderen Welt. Ein starkes Anfangsbild, welches mich direkt die Wärme von draußen vergessen lässt.

In den kommenden 40 Minuten erzählt diese Gruppe in „Schlussszene“        sich und uns eine Geschichte, die Geschichte einer Katastrophe, welche die Menschheit fast vollständig ausgelöscht hat.

Direkt zu Beginn wird das sehr minimalistische Bühnenbild gut genutzt, in dem ein einfacher Tisch den Eingang in eine, für die Gruppe bis dahin unbekannte Welt darstellt. Und auch in den folgenden Szenen wird immer wieder deutlich, dass es nicht viel braucht, um Stimmungen zu transportieren.   

Das selbstverfasste Stück wird neben chorischem Sprechen vor allem durch gut eingesetzte Live-Videos getragen, die uns Zuschauenden immer mehr in eine andere Zeit transportieren.

Für besondere Abwechslung sorgt dann die Szene, in der die Spieler*innen von den Zuschauenden geschriebene Zettel, live sehr souverän vorlesen und Improvisationstalent beweisen.

Mit Sufjan Stevens „Mystery of Love“, blauem Licht und einer beruhigend wirkenden  Choreographie entlässt uns die Theater AG des Jahrgangs 9 unter der Spielleitung von Daniel Tiemerding und Henrik Marthold, zurück in die heutige Zeit, in die Realität, in die Wärme, aber mit dem Gedanken im Kopf, dass die erzählte Geschichte vielleicht gar nicht so weit weg ist, wie man es sich eigentlich wünschen würde.

Emily Warringsholz

 

Was du nicht weißt, musst du dir erspielen

Von Beginn an liegen Unsicherheit und Angst in der Luft. Eine Gruppe von jungen Menschen rettet sich in unbekanntes Gebiet. Sie tragen dicke Schutzkleidung und Gasmasken. Einer muss den Test machen, dann wird klar: die Luft ist rein. Alle können sich der unbequemen Kleidung entledigen.

Die Gruppe lebt, aber alle Gewissheiten scheinen verloren gegangen zu sein. Sie sind Fremde im Raum und in der Zeit. Deshalb müssen sie den Raum erkunden und herausfinden, was vor ihrer Zeit war.

Nach und nach stellt sich heraus, dass sie offensichtlich die Überlebenden einer Katastrophe sind. Doch die Videos, die sie auf einem iPad finden, verwirren nur und können die Vorgeschichte nicht eindeutig aufklären. Von absoluter Überwachung ist die Rede, von einem ominösen roten Knopf bei Youtube, von Lebensmittelknappheit usw. Nicht einmal die letzte Erdkatastrophe kommt ohne Fake News aus. In der Gruppe werden verschiedene Reaktionen sichtbar: Neben totaler Resignation steht der verzweifelte Mut.

Die Spieler*innen der Theater-AG des 9. Jahrgangs der Neuen Oberschule Braunschweig (die Mädchen sind in Unterzahl!) stellen das Leben nach der Katastrophe mit deutlicher Hingabe dar und können das Endzeit-Szenario atmosphärisch eindrucksvoll vermitteln, u.a. durch den gelungenen Einsatz einer Live-Kamera. Die Freiheit des Spiels und die Natürlichkeit der Bewegungen geht nur manchmal durch die zu große Konzentration auf Sprechertext und Sprecherabfolge verloren. Hervorgehoben sei aber an dieser Stelle der fulminante Nachrichtensprecher!

Aus der Aporie rettet sich die Gruppe schließlich in das Spiel und lässt den Zufall entscheiden: Aus zwei Boxen werden einmal auf Papierstreifen notierte Ursachen der Katastrophe und zum anderen Lösungsmöglichkeiten gezogen. Die Spieler*innen treten vor und ziehen per Zettel ihr kleines Vortragsthema. Dabei bleibt es dem Zufall überlassen, ob Katastrophen-Szenario und Ausweg zusammenpassen. Das ergibt fröhliche Verbindungen à la „Die Menschheit ist an ihrer Dummheit zugrunde gegangen“ – Was hilft dagegen? „Weniger Hass!“

Da die Spieler*innen nicht nur zufällige Begegnungen präsentieren, sondern offenbar auch nur Stichworte ziehen, sind sie gezwungen, spontan zu improvisieren, was ihnen durchweg gut gelingt. Besonders ist diejenige Spielerin in Erinnerung geblieben, die mit großer Selbstverständlichkeit und sehr plausibel der waffenstrotzenden Welt den Ratschlag erteilte, doch endlich das Plastik abzuschaffen, um einen Atomkrieg zu verhindern.

Dieses unberechenbare Spiel hilft einem, angesichts der scheinbar unabwendbaren Katastrophen den Humor zu bewahren und setzt zugleich die Phantasie in Gang. Und nur wer Phantasie besitzt und aktiv in die Zukunft schaut, das wird klar, kann überleben. Insofern haben die Spielleiter Daniel Tiemerding und Henrik Marthold hiermit nicht nur einen schönen Spielanreiz geschaffen, sondern auch einen pädagogisch wertvollen Punch gelandet.

Ob die Gruppe im Stück am Ende überlebt, bleibt offen. Vorgestellt wird nach einem deutlich gesetzten Bruch ein Unterwasser-Szenario, zu dem die Spieler*innen, begleitet von anregendem Gitarrenspiel, mit leichten Bewegungen hin und her wiegen und sachte summen. Die Spieler*innen wirken wie Wasserpflanzen, die sich am Meeresboden von der Strömung sanft bewegen lassen. Der Tod der Menschheit erfährt so zumindest einen ästhetischen Abgang.

Claus Schlegel

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