Rezensionen zu „Der Besuch der alten Dame“

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“

Wie würden wir uns eigentlich entscheiden, wenn auf der einen Seite das Gemeinwohl und auf der anderen Seite die Moral auf dem Spiel stünde? Ist das Brecht’sche Motto, dass „erst das Fressen, dann die Moral“ komme, immer noch aktuell? Diesen Fragen ist der Kurs Darstellendes Spiel des Philipp Melanchthon Gymnasiums Meine in seiner beeindruckenden Adaption des Stücks „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt nachgegangen.

Zu Beginn betreten die uniform schwarz gekleideten Spieler*innen die Bühne, einer nach dem anderen tritt ans Mikrofon und äußert sich zu den eigenen Prinzipien und Tabus. Was würde ich eigentlich niemals tun? Alte Socken essen, den Boden ablecken, harte Drogen nehmen – und natürlich würden wir niemals jemanden töten!

Der Vorhang geht auf, von Hunger und Elend geschwächte Figuren zeigen sich, Schauplatz ist Güllen, ein Ort irgendwo im Niemandsland Europas. Der Name ist Programm, die Stadt verarmt, ihre arbeitslosen Bürger vegetieren dahin, nur die Suppenanstalt hält sie am Leben. In diese Ödnis kehrt die schillernde Milliardärin Claire heim. Einst schwanger musste sie aus ihrer Heimatstadt fortziehen, denn ihre Jugendliebe leugnete die Vaterschaft. Doch nun sinnt Claire auf Rache. Das unmoralische Angebot an die Güllener: Alfred Ill, der Vater ihres Kindes, der sie damals so im Stich gelassen hat, soll getötet werden, dann wäre die Milliardärin auch bereit, der Stadt zu neuem Wohlstand zu verhelfen – „Konjunktur für eine Leiche“. Die Güllener schlagen dieses Angebot zunächst voller Überzeugung aus. Schließlich lebe man in Europa, man töte keine Menschen, nur weil Geld im Spiel sei.

Mit großer Spielfreude zeigt der Kurs, wie diese Haltung langsam zu bröckeln beginnt und schließlich ganz umschlägt. Angefangen vom Hofieren der alten Dame, über plumpe Anbiederei bis hin zur schieren Gier verfällt ein jeder dem Konsumrausch. Groß ist die Macht, die die Milliardärin auf die Güllener ausübt. Im Stück wird diese durchweg sehr anschaulich dargestellt, sei es wenn gleich mehrere Spieler*innen die Figur durch den Einsatz roter Perücken verkörpern oder wenn überlebensgroße Videobilder von Claire im Hintergrund erscheinen, vor denen die Güllener wie kleine hilflose Zwerge wirken. So wird deutlich, dass diese am Ende eben auch als Vollstrecker der vorherrschenden Machtverhältnisse handeln, wenn sie Alfred Ill töten. Den Rest besorgt der Herdentrieb, der im rituellen Tanz mit Papphockern gezeigt wird, die mal als Bewegungsobjekte, mal als entmenschlichende viereckige Masken dienen und schließlich eine Mauer vor dem Publikum darstellen, die den Blick auf das Grässliche verstellt.

Und wir? Zu was wären wir selbst fähig, wenn man uns die Summe X böte? Ab wann ist unsere Moral korrumpierbar? In performativen Sequenzen stellt sich der Kurs diese Fragen selbst und deutet mit seinen Antworten ein pessimistisches Bild an. „Für eine Milliarde Euro würde ich einen Menschen töten“, heißt es da an einer Stelle. Und am Ende reichen schon 70 Euro, um entgegen der gerade noch geäußerten Prinzipien den Bühnenboden abzulecken. Das Lachen bleibt uns im Halse stecken. Deutlicher hätte man dem Publikum die Worte Brechts nicht vor Augen führen können.

Christian Bilges

 

 

 

Bin ich käuflich? Die alte Dame goes Schultheater

Das irre Spiel um die alte Dame, die als hyperreiche Mäzenin den Ort ihrer frühen Blüte betritt und den Tod ihres ehemaligen Kindsvaters verlangt, hat die Gruppe des Philipp Melanchthon Gymnasium Meine (Jg. 12) zunächst geschickt als spielerische Selbsthinterfragung angelegt: Wer von uns würde für Geld Lebensgefährliches (von einer Brücke springen), Ekliges (die Bühne ablecken) oder Genderfremdes (Lippenstift auftragen) auf sich nehmen? In dieser Situation befinden sich nämlich die Güllener angesichts von Claire Zachanassians unmoralischem Angebot. Ein aufregender Impuls für jeden Zuschauer, auch sich selbst zu befragen: Wo sind meine Grenzen? Welcher Preis wäre angemessen, um die Grenzziehung zu überschreiten? Bin ich tatsächlich käuflich?

Die Dramenhandlung wird nach dieser einfallsreichen Einleitung in seinen zentralen Szenen mit bekannten Mitteln des Schultheaters aufbereitet. Wir erkennen das Formprinzip der Reihung, stets mit Variation, das chorische Sprechen, das der Gruppe besonders gut gelingt, den Rollentausch, der die Empathie fördert, wir anerkennen dynamische Wechsel und eine raumfüllende Nutzung der Bühne, ja: des gesamten Theaterraums. Videos, auf denen unheimliche Zeugen oder die wichtigsten Protagonisten in einschüchternden Close-ups ihre Statements äußern, treiben die Handlung an.

In die Enge getrieben liegt Alfred Ill, der Gehetzte, schließlich gekrümmt vor den Zuschauern der ersten Reihe. Die Dynamik der Szene wird gekonnt gesteigert. Die Situation anschaulich zugespitzt. Am Ende wird der Gejagte schließlich von der anonymen Masse erlegt. Dabei wird die Anonymität durch Boxen erreicht, die über die Gesichter gestreift werden und die Gewaltbereitschaft der Masse durch eine kämpferische Choreographie manifestiert. Der Tote liegt am Ende hinter einer Mauer des Schweigens.

Die Gruppe überzeugt vor allem durch ihr klares, gut verständliches Spiel. Sie spielt mit großer Präzision und Leichtigkeit und lässt die Zuschauer das dramatische Geschehen anschaulich und interessiert nachvollziehen.

Falls man sich als Zuschauer von der Gruppe noch etwas wünschen dürfte, dann allenfalls mehr Mut zu ungewöhnlichen Mitteln und neuen Ideen, eben ein Quentchen mehr Originalität. Aber das sind Luxusprobleme, die die alte Dame längst überwunden hat.

Claus Schlegel

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